Ökosysteme zum Zuhören
Donau Altarm
Warum nicht ganz klein anfangen, wenn es um einen Blick auf das große Ganze geht?
Wien Modern 2026 beginnt am Eröffnungstag mit unerwarteten Klängen von Orientzikaden, Grashüpfern, Listspinnen, Holzameisen, Blattsaugern, Blattflöhen, Anophelesmücken und Mauerbienen. Atemberaubend detaillierte Tonaufnahmen mit Lasermikrofon werden vom Chuchchepati Orchestra aus der Schweiz im Foyer des Wiener Konzerthauses in den ersten Festivaltagen hörbar gemacht – auf großen Lautsprechern aus Chuchchepati (sprich: Tschutschepati), einem Stadtteil von Kathmandu in Nepal. Dabei sind Insekten noch nicht einmal die kleinsten der vielen Lebewesen, die zahlreiche Künstler:innen in der 39. Festivalausgabe von Wien Modern in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellen.
Im anschließenden Eröffnungskonzert weitet sich der Fokus: Die Wiener Komponistin Pia Palme und ihr Team entwickeln Mit der Donau ein abendfüllendes Werk, das über Monate hinweg nicht zuletzt im Nationalpark Donau-Auen entsteht und das vom ORF RSO Wien unter Leitung von Irene Delgado-Jiménez im teilweise umgebauten Großen Saal des Wiener Konzerthauses uraufgeführt wird. Menschliche und mehr-als-menschliche Beiträge fließen zusammen in einem multimedialen, artenübergreifenden, co-kreativen Prozess. Durchaus im Widerspruch zum Alltag und den Nachrichten mit gefühlt Jahr für Jahr zunehmenden Auswirkungen menschlicher Hybris und Selbstüberschätzung entdeckt die zeitgenössische Musik aktuell eine Welt, in der Menschen nicht im Zentrum stehen. Musik und Kunst suchen neue Wege in «ein verlorengegangenes Verständnis, dass auch der Mensch Teil der Natur ist und auf seine Umwelt und deren Funktionsfähigkeit angewiesen ist» (Helga Kromp-Kolb).
In aller Bescheidenheit, aber in einer gefühlt Jahr für Jahr zunehmenden Breite, Vielfalt und Tiefe erkunden Musiker:innen, Komponist:innen und Künstler:innen Ökosysteme, ihre Balance und ihre Kipppunkte, auf metaphorischer, aber oft auch auf ganz konkreter Ebene. Prozesse und Klangwelten
der Natur – Flüsse, Bäume, Wälder, Vögel, Insekten, Mikroorganismen des Bodenlebens u. v. a. – finden über Field Recordings und Videos oder einfach über genaues Zuhören den Weg in die Sphäre einer Musik, die neue Perspektiven eröffnet.
Das lässt sich bei Wien Modern fast fünf Wochen lang auf spannende Weise erkunden: Die neuseeländische Deep-Listening-Pionierin Annea Lockwood lädt mit ihrer Sound Map of the Danube einen Monat lang im MAK zum Hören von über 50 Orten entlang des Flusses zwischen Schwarzwald und dem Schwarzen Meer. Kirsten Reese und das Ensemble Recherche widmen sich mit Bioakustiker:innen den Klängen des Waldes – vom Schwarzwald bis zum einzigen Urwald von Wien. Das Kollektiv Points of Listening holt die Klangwelt des indonesischen Rungan-Urwalds ins Tanzquartier. Katrin Hornek und Judith Unterpertinger laden zu einer Besteigung des erstaunlichsten Bergs von Wien, der Mülldeponie Rautenweg. Jean-Luc Hervé bringt Schlagzeug- und Insektenklänge in die Zacherlfabrik, in der einstmals Insektengift hergestellt wurde. Dimitri de Perrot macht auf einer beeindruckenden Liegelandschaft im Jugendstiltheater die Klangwelt im Erdboden spürbar. Klangforum Wien, Neue Oper Wien, mdw u. a. präsentieren die australische Komponistin Liza Lim, eine der Pionier:innen ökologischen Denkens in der neuen Musik. Die «Ökophonistin» Katharina Klement bekommt den Erste Bank Kompositionspreis 2026. Dazu kommen ein Symposium rund um Elisabeth Schimana, ein Forum / Lab mit Aleksandra Bajde, Workshops u. v. a.
Neben diesen und zahlreichen weiteren Erkundungen verschiedenster Ökosysteme sind u. a. Elfriede Jelinek im Rahmen der Musikverein Perspektiven und Francesca Verunelli als Komponistin im Fokus im Musikverein sowie Bernhard Leitner in der Secession umfangreiche Porträts gewidmet. Jonathan Harveys Bhakti erlebt im Claudio Abbado Konzert eine der raren Aufführungen. Dazu feiert Wien Modern hundertste Geburtstage von Friedrich Cerha, Morton Feldman, Betsy Jolas und György Kurtág, erinnert an Éliane Radigue und Dieter Kaufmann – für die richtige Balance aber in Nachbar:innenschaft von ganz viel Nachwuchs und über 100 Ur- und Erstaufführungen.
NAMEN UND ZAHLEN
72 Produktionen | 158 Veranstaltungen, davon 114 Konzerte / Aufführungen, 8 Ausstellungen / Installationen und 36 Rahmenveranstaltungen, Talks, Workshops etc. in der Reihe PLUS: | 196 Komponist:innen und Improvisator:innen (davon 112 mit Pronomen er / ihm, 82 sie / ihr, 3 they / them oder keine, soweit angegeben) | 31 Spielstätten in 15 Bezirken | 107 Ur- und Erstaufführungen, davon 78 Uraufführungen von Nicolás Ahumada Yavar, Alexander Babikov / Markus Gruber / Herbert Lacina, Aleksandra Bajde, Özkan Umutcan Bapbacı, Parham Behzad, Maya Bennardo, Pierluigi Billone, Stefano Boccia, Amy Brandon, Carolina Carrizo, dieb13, Luc Döbereiner, Valeriia Dolhikh, Cezary Duchnowski, Alexander J. Eberhard, Emma Henrike Ebmeyer, Marczaros Adrián Hernandez Echeverría, Anke Eckardt, Adrian V. Eckert, Camilla Milena Fehér / Liudmila Siewerski, Margareta Ferek-Petrić, Samuele Giulio Ferrari, Isabella Forciniti, Bernhard Gander, Tina Geroldinger, Ida Grande Kaurin, Stefan Grimus, Nava Hemyari, Christoph Herndler, Jean-Luc Hervé, Katrin Hornek / Judith Unterpertinger, Carlos Iturralde, Peter Jakober, Eva Jantschitsch / Elfriede Jelinek / Ferdinand Schmatz, Alexander Kaiser, Sepehr Karbassian, Reinhard Karger, Kuura Klaavu, Katharina Klement, Georgia Koumará, Klaus Lang, Aquiles Lázaro, Peter Leipold, Bernhard Leitner, Liza Lim, Zahra Mani / Kinga Tóth / Mia Zabelka, Sofia Matus Cancino, Lena Emilia Michajłów, Matthias Muche, Bertl Mütter, Barbara Maria Neu, Olga Neuwirth, Maja Osojnik, Pia Palme, Pia Palme / Lisa Horvath / Juliet Fraser / Satu Hakamäki / Elie Halonen, Grzegorz Pieniek, Julia Purgina, Kirsten Reese, Billy Roisz, Sofía Scheps, Elisabeth Schimana, Marcus Schmickler, Hannes Schöggl, Marianne Schroeder / Elfriede Jelinek, Daniel Serrano, Davide Spina, Station Rose, Christoph Theiler, Ana Marija Tobias, Timo Wallna, Ying Wang, Brigitte Wilfing, Ursula Winterauer, Constantin Wulff, Xu Dong, Rafał Dominik Zalech, Dustin Zorn, Edwin Zúniga | 29 österreichische Erstaufführungen von Helga Arias, Leah Asher, Richard Barrett, Carola Bauckholt / Elizabeth Hobbs / Jennifer Torrence / Ellen Ugelvik, William Bolcom, Óscar Escudero / Belenish Moreno-Gil, Julio Estrada, Konstantia Gourzi, Bernhard Hadriga / Aurel Violas, Satoru Ikeda, Elfriede Jelinek, Patrick Kessler / Julian Sartorius / Ludwig Berger, Randa Kirshbaum, Catherine Lamb, Liza Lim, Annea Lockwood, Kate Milligan, Rodrigo Pascale, Dimitri de Perrot, Xenia Pestova Bennett, Points of Listening, Charlie Sdraulig, Corie Rose Soumah, Dimos Stephanidis, Francesca Verunelli, Anibal Vidal, Davor Vincze, Christian Winther Christensen | Weitere Werke von Peter Ablinger, Kalevi Aho, Artur Akhiamov, Mark Andre, Johann Sebastian Bach, Parsa Badiei Sabet, Carola Bauckholt, Carola Bauckholt / Karin Hellqvist, Franck Bedrossian, Christophe Bertrand, Pierluigi Billone, Silvia Borzelli, Sofya Bulatova, John Cage, Aaron Cassidy, Angélica Castelló, Friedrich Cerha, Unsuk Chin, Kasho Chualan, Hlib Chumeiko, George Crumb, Chaya Czernowin, Marco Döttlinger, Franco Donatoni, Sophie Dufeutrelle, Zeynep Edecan, Dror Feiler, Morton Feldman, Michael Finissy, Beat Furrer, Thomas Grill, Gérard Grisey, Jonathan Harvey, Toshio Hosokawa, Mirela Ivičević, Betsy Jolas, Heike Kaltenbrunner, Dieter Kaufmann, Matthias Kranebitter, György Kurtág, Patrik Lechner, Patrik Lechner / Marco Döttlinger / Thomas Grill, Bernhard Leitner, György Ligeti, Liza Lim, Annea Lockwood, Gustav Mahler, Olivier Messiaen, Cassandra Miller, Meredith Monk, Conlon Nancarrow, Jalalu-Kalvert Nelson, Olga Neuwirth, Olga Neuwirth / Elfriede Jelinek, Luigi Nono, Pauline Oliveros, Parajekt, Gérard Pesson, Eliane Radigue, Fausto Romitelli, Ricardo Vendramin Ross, Kaija Saariaho, Sarvenaz Safari, Pierre Sancan, Arnold Schönberg, Franz Schubert, Salvatore Sciarrino, SOIL, THAO, Francesca Verunelli u. a.
