Mit rund einem Monat vollem Programm an zahlreichen Orten in der ganzen Stadt ist Wien Modern das größte Festival für neue Musik in Österreich und eines der größten Ereignisse seiner Art weltweit. 1988 wurde Wien Modern auf Initiative des Dirigenten und damaligen Generalmusikdirektors der Stadt Wien Claudio Abbado gegründet. Seither findet es jedes Jahr im November in Wien statt.

Was genau man sich unter „neuer Musik“ vorstellen und was man sich von einem Festival mit dem sämtlichen Klischees der Donaumetropole widersprechenden Namen „Wien Modern“ erwarten darf, das wird bei uns immer wieder neu erfunden. Ganz am Anfang war das Ziel, auf den „Nachholbedarf“ der traditionsseligen Musikstadt Wien zu reagieren und große Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in die großen Säle der Stadt zu bringen. In einer historisch ersten Zusammenarbeit stellten Wiener Konzerthaus und Musikverein 1988 gemeinsam die Nachkriegsavantgarde und die Wiener Schule prominent in den Mittelpunkt. Claudio Abbado stand als erster künstlerischer Leiter des Festivals selbst am Dirigentenpult der Wiener Philharmoniker und sorgte mit Aufführungen von Luigi Nono, Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, György Ligeti und Alban Berg dafür, dass das Wiener Publikum sich ganz allmählich mit neuer Musik anzufreunden begann.

Der Blick auf ein paar Zahlen aus dem Gründungsjahr macht spürbar, welchen Weg das Festival seither zurückgelegt hat: In drei Spielstätten in zwei Wiener Gemeindebezirken stand 1988 bei 28 Veranstaltungen an 23 Tagen bewusst keine einzige Uraufführung auf dem Programm; die Wiener Schule mit eingerechnet gab es zwar sechs Komponisten sowie acht Ensembles und Orchester aus Wien, jedoch nichts aus den sonstigen Bundesländern, keine Aktivitäten im Nachwuchs- oder Vermittlungsbereich, keine einzige Komponistin und nichts anderes als klassische Konzertformate. Acht Jahre später, 1996, hatte das Festival die Rekordlänge von 44 Spieltagen erreicht und bespielte acht Spielstätten in fünf Bezirken mit 68 Veranstaltungen; im Programm fanden sich zehn Uraufführungen, zwölf Komponistinnen, insgesamt 23 Komponistinnen und Komponisten aus Österreich, große Musiktheaterproduktionen und ein opulentes, internationales Konzertangebot für ein erstaunlich großes Publikum, das Wien mittlerweile den Ruf als Metropole der neuen Musik eingetragen hatte.

Heute ist Wien Modern mit rund 30 Spieltagen zwar kürzer, aber mit nochmals gewachsenem Publikum und sowieso ständig wachsender musikalischer Vielfalt um Einiges bunter geworden: Als offene Plattform für gern widersprüchliche Ästhetiken und Formate, im bunten Mit- und Nebeneinander unterschiedlichster Szenen und Generationen erreichte Wien Modern 2018 die vorläufige Rekordmarke von 31.491 Besucher*innen an 29 Spielstätten in zehn Bezirken. Den langjährigen Wandel von der zunächst notwendigen Retrospektive zur quirligen Werkstatt der Musik deuten die rekordverdächtigen 109 Ur- und Erstaufführungen des Jahres 2019 an, und auch die 57 Komponistinnen, zehn Nachwuchsprojekte, vier Produktionen für junges Publikum und 30 Vermittlungsangebote des Festivaljahrgangs 2019 unterstreichen, dass die neue Musik in den gut drei Jahrzehnten seit der Festivalgründung durchaus Einiges an Dynamik und Diversität gewonnen hat.

Die spezifische Mischung von Wien Modern bezieht inzwischen weite Teile der Stadt mit ein und schließt den Großen Saal des Wiener Konzerthauses mit seinen knapp 2.000 Sitzplätzen ebenso ein wie das winzige Kellerlokal des Café Korb, den experimentierfreudigen echoraum in der Sechshauser Straße 66 ebenso wie das MuseumsQuartier, das Kunsthistorische und (erstmals 2020) das Naturhistorische Museum u.v.a. Konzerte bilden noch immer den Kern des Programms, doch längst hat sich das Angebot erweitert auf Musiktheater, Tanz, Bildende Kunst, Film, Video, Performance, Installation, ortsspezifische und mit langen Dauern arbeitende Werke, Improvisation und Formatentdeckungen aller Art – von der Simultanaufführung aller Streichquartette von Dmitri Schostakowitsch 2016 im Großen Saal des Wiener Konzerthauses bis zur 15-stündigen Uraufführung von Michael Hersch im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek 2019, bei der das Publikum von Sonnenaufgang bis in die Nacht eine Hörlandschaft mit Matratzen, Wolldecken und verschiedensten Stärkungen vorfand.

Apropos Stärkungen: Wien Modern pflegt eine hohe Meinung von der Experimentierfreude seines vielfältigen Publikums. Dazu gehört neben vielen anderen Dingen seit ein paar Jahren auch, dass es an der „Bar Modern“, wo sich rund um unsere Veranstaltungen zahlreiche Künstler*innen blicken lassen, unseren „Wein Modern“ zu kosten gibt, mit dem sich das Festival bei all seiner Widersprüchlichkeit erfreulich einfach auf den Punkt bringen lässt: durchaus ungewöhnlich bis radikal, mit Ecken und Kanten, kein Schnickschnack und keine Industrieware, aber macht sehr viel Spaß und lohnt sich unbedingt zu entdecken.