«Musik ist nie bei sich»
Wolfgang Rihm im Gespräch mit Stefan Fricke
Stefan Fricke: Am 13. März 2002 werden Sie Ihren fünfzigsten Geburtstag feiern. Als ein anderer Komponist, ein Lehrer von Ihnen, 1978 seinen fünfzigsten Geburtstag begangen hat, haben Sie in einem Glückwunschtext geschrieben: «Zu sagen, dass Karlheinz Stockhausen fünfzig Jahre alt wird, mutet an, als müsste man ihn zu einer besonders gelungenen Proportion beglückwünschen. In der Tat, es geht Proportion von ihm aus. In allen Lebensbereichen ist es das Ineinander von Vollkommenheitsgraden, das ihn interessiert und das er mit Leidenschaft seinen Proportionsideen unterwirft. Jetzt zwingt ihm das Leben, der Vollkommenheitsgrad ‹Alter›, eine Proportion auf, die ‹Unumgänglichkeit› suggeriert, die auch das unumgängliche Feiern und Gefeiertwerden provoziert. Einzig gemildert werden kann diese Härte von Vollzugszwängen durchs schlichte Gratulieren, durchs Hingehen und Handgeben, durch ein möglicherweise liebevolles An-ihn-, den Fünfzigjährigen, Denken.» Vor dreiundzwanzig Jahren waren Sie selbst noch weit entfernt von der eigenen, der nun unmittelbar bevorstehenden «Proportion». Entdecken Sie in den an den damaligen Jubilar gerichteten Sätzen Parallelen zu sich selbst?
Wolfgang Rihm: Es ist sicher so, dass ich eine wesentlich weniger durchgeformte Existenz führe als der damals von mir angesprochene Jubilar und auch wenig Wert auf deren Darstellung als ihrerseits weitergebbare Form lege. Das heißt: Ich überlasse mich gerne dem Augenblick. Ich versuche, die Kraft aus dem Moment zu ziehen und mich weniger in der Vorformung und Anlage des Gestaltflusses wiederzufinden. Aber selbstverständlich ist es eine interessante Erfahrung, durch solche Wegmarken in ein Alter gerückt zu werden. Ich denke an eine Stelle bei Balzac, ich glaube in Le Père Goriot [1834/35]: «Auf der Schwelle, im Abendlicht, saß ein Greis von fünfzig Jahren.» (lacht leicht) Die Blickwinkel verändern sich natürlich. Aber in meinem Fall ist es nicht so, dass die Existenz ins Werk einbezogen ist als Mitgeformtes, über Jahrzehnte hindurch auch einem Werkprozeß Unterworfenes, sondern ich existiere und bringe hervor – sagen wir mal: «naturhaft».
Stefan Fricke: Als 1981 Mauricio Kagels fünfzigster Geburtstag anstand, wurde er gefragt, was er sich für diesen Tag wünsche. Kagels Antwort lautete: «Einen freien Tag.»
Wolfgang Rihm: Schön, eine gute Antwort.
Stefan Fricke: Was wünschen Sie sich?
Wolfgang Rihm: Viele freie Tage (lacht).
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