Stefan Fricke
Nicht nur ein Weg führt zum Ziel …
Zu Luciano Berio und seinem Musik-Labyrinth
Musik, so lehren es die Lexika, sei die absichtsvolle Ordnung von Tönen in der Zeit. Das stimmt. Richtig ist aber auch: Musik ist all das, was wir mit der Absicht hören, es sei Musik. Der Gedanke stammt von dem italienischen Komponisten Luciano Berio. Allerdings nicht nur von ihm allein. Zahlreiche Musikschöpfer unserer Zeit dachten und denken so, engagier(t)en sich mit ihren Werken für eine Öffnung der Ohren und der Hirne, damit unsere Wahrnehmung von der Welt wach bleibt, damit unsere Sinne nicht auf der Stelle treten. Schließlich, ein weiterer Gedanke von Luciano Berio, ist nichts je vollendet. Alles fließt. Und das nicht nur in eine Richtung. Ästhetische Positionen, musikalische Ideen und Modelle bewegen sich kreuz und quer durch die Kulturen von einst und jetzt, bilden kleine, große, riesige Labyrinthe. Sie sind, keine wirklich neue Erkenntnis, unübersichtlich. Inmitten dieser Irrgärten, in denen sich zu verlaufen nicht das Schlimmste sein muss, begegnen wir Berios Musik. Einer Musik, die selbst labyrinthisch ist, die mit Täuschungen und Wirklichkeiten spielt, die Neues und Altes miteinander verknüpft, die Geschichte(n) erzählt, weitererzählt, aus dem Gestern übers Heute ins Morgen tragen will. Der 1925 in Imperia am Ligurischen Meer geborene Komponist, Sprössling einer italienischen Musikerfamilie, bekannte einmal: «Zukunft kann sich nur aus der Vergangenheit bilden.» Das Ergebnis dieser Auffassung ist ein außergewöhnlich facettenreiches, vielgesichtiges OEuvre mit weit über hundertfünfzig Werken. Darunter einige Meilensteine der jüngeren Musikgeschichte, zudem etliche pädagogische Stücke – Berio engagierte sich sehr für den musikalischen Nachwuchs – und zahlreiche Bearbeitungen des Repertoires: von Monteverdi und Purcell über Schubert, Brahms, Verdi, Mahler, Manuel de Falla, Paul Hindemith, Kurt Weill bis hin zu eigenen Stücken und Beatles-Songs.
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