Daniel Ender
Jorge E. Lopez – «Tagebuchaufzeichnungen 1975–1979»
Erste Bank Kompositionsauftrag 1994
Urwüchsiger Ausdruck spricht aus seinen Werken, archaische Welten werden von ihnen beschworen. Die Kraft eines Gefühls, das sich nicht mit der präzisen Schilderung beherrschter und zivilisierter Emotionen begnügt, sondern aus dem Vollen des Widersprüchlichen, nicht Zuordenbaren schöpft, kann jederzeit losbrechen: Wenn Jorge E. Lopez komponiert, so tut er dies zwar aus dem Bauch heraus, doch ohne dabei Nabelschau zu halten; er verbindet rückhaltlose Subjektivität, ohne doch zugleich auf schonungslose Rechenschaft über das damit zu Tage Geförderte zu verzichten.
«Ich habe mich nie mit dem Begriff ,Neue Musik‘ identifiziert. Eher trieb mich von Anfang an, daß es darum geht, das Uralte präsent zu machen. Ich suche nicht das Neue, sondern ich suche eher das Verdrängte.» So umreißt der Komponist seinen grundlegenden Impuls, sein Bestreben, verschüttete Bewusstseinsebenen freizulegen, gleich, ob sich diese in früheren Schichten kollektiver menschlicher oder individueller psychologischer Entwicklung befinden.
Vielleicht unsystematisch, aber alles andere als ziellos und äußerst instinktsicher bedient sich Jorge E. Lopez dieser Bedeutungsfelder mit klanglich sattem Zugriff, unzähligen filigranen Zwischentönen und zupackender Gestik, die nicht selten ins Brutale gesteigert werden kann, doch ebenso häufig gebrochen oder ins Bizarre verzerrt erscheint.
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