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HERBERT GRASSL

Daniel Ender
Herbert Grassl – 
«‹Leicht verstimmt …›»
Erste Bank Kompositionsauftrag 1995

«Leicht verstimmt …» – jede durch den Titel der fünf Stücke für Ensemble (1995) von Herbert Grassl ausgelöste Assoziation stimmt in gewisser Weise. Denkt man dabei an die Verstimmung von musikalischen Tonqualitäten, ist dies ebenso richtig wie die übertragene Bedeutung einer aus dem Gleichgewicht geratenen psychischen Konstitution. Auch wenn man eine Eintrübung oder eine Betrübtheit im Sinne einer getrübten Stimmung assoziiert, kommen beide Seiten des Wortspiels wieder zusammen. Gemeinsam ist ihnen die Idee einer Irritation – ob sie der Musik dieser fünf Stücke zu Grunde liegt oder von ihr vermittelt wird, lässt der Titel selbst offen. Das Wort «leicht» relativiert unterdessen den Grad der Verstimmung und bringt zugleich eine weitere Facette ins Spiel: Ist damit wirklich ein geringes Ausmaß dieses Zustands gemeint oder vielmehr eine Anfälligkeit oder Disposition von jemandem oder etwas, leicht – also schnell – verstimmt zu werden?

Nicht nur in den Worten seiner Werktitel gibt es bei Herbert Grassl solche vieldeutigen Unschärfen. Auch seine Kompositionen selbst erzählen von Zwischentönen und Bedeutungsverschiebungen, von Brüchen und vom Wechselspiel zwischen verschiedenen Ebenen. Sei es bei den häufig verfremdet wiederkehrenden Marschrhythmen, bei nicht minder häufigen schwermütigen Stimmungen, bei elektronisch bereicherten oder geistlich grundierten Werken: Wäre das Schaffen dieses Komponisten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, könnte man ihn nur negativ bestimmen: auf immer wieder vorkommende Formen der Abweichung, die sich durch die Kompositionen von Herbert Grassl ziehen. Auch im Eingängigen ist seine Musik gewissermaßen mit kleinen Widerhaken versehen, demgegenüber auch im Widerborstigen unprätentiös und sinnfällig, unbotmäßig das Eigene suchend und sich in ihrer Individualität immer wieder aufs Neue behauptend.

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Textauszug aus: Daniel Ender: Der Wert des Schöpferischen. Der Erste Bank Kompositionsauftrag 1989–2007. 18 Porträtskizzen und ein Essay. Sonderzahl Verlag 2007. © Daniel Ender, alle Rechte vorbehalten. (pdf, 70 kb)