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GERHARD E. WINKLER

Daniel Ender
Gerhard E. Winkler – «Grauzone»
Erste Bank Kompositionsauftrag 1990

Am katastrophischen Höhepunkt scheint alles zugleich zu geschehen: Schreien, Rufen, Sprechen, zersplitterte Instrumentalstimmen, geräuschhaft erstickt, heftig bebend oder gewaltsam hervorbrechend: Sämtliche Materialschichten versuchen in den dichtesten Passagen von Gerhard E. Winklers Grauzone (1990) zugleich, an die Oberfäche durchzudringen, zur Hörbarkeit zu gelangen. In ihrer dichten Überlagerung lassen sich freilich manche diffuse Prozesse nur als entferntes Schimmern wahrnehmen, sogar äußerst profilierte Ereignisse können teils nur erahnt werden, ihre Farben gehen im Durcheinander verloren, ihre feinst ausgearbeiteten Konturen leuchten nur momentweise hervor. Durch die Gleichzeitigkeit des an sich ausdrucksvollen Geschehens schlägt das individuelle Gewicht der vielen vielschichtigen Stimmen in fahle Gleichförmigkeit um, zeigt sich die Vergeblichkeit der energiegeladenen, nicht voneinander wissenden Gestalten, verliert sich ihr Charakter in einem Meer von zielloser Bewegung, die doch zugleich von zwingender Notwendigkeit wie von einem äußerst ökonomischen Einsatz des Materials geprägt zu sein scheint.

Das Chaos, aber auch zugleich die darin verborgene Ordnung, die Individualität der Einzelstimmen und der sinngebende Zusammenhang – in den Werken von Gerhard E. Winkler findet sich stets beides, und zwar nicht bloß als Gegensatzpaar, sondern oft als allmählicher Übergang von einem Zustand in den anderen. Das ist kein Zufall, hat sich doch der Komponist ausgiebig mit Chaos- und Katastrophentheorien auseinandergesetzt und versucht, daraus dynamische Systeme zu entwickeln, die musikalisch fruchtbar gemacht werden können. Geradezu zwangsläufig ergeben sich daraus chaotisch, katastrophisch und damit immer auch zufällig wirkende Fortschreitungen – allerdings stets auf Basis von vorher entwickelten Regeln: «Der Zufall spielt eine Rolle, aber ein Zufall, der sich aufgrund von genau definierten Gesetzen entwickelt, um zu einer Form von Wachstumslogik zu gelangen.»

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Gerhard E. Winkler

Textauszug aus: Daniel Ender: Der Wert des Schöpferischen. Der Erste Bank Kompositionsauftrag 1989–2007. 18 Porträtskizzen und ein Essay. Sonderzahl Verlag 2007. © Daniel Ender, alle Rechte vorbehalten. (pdf, 76 kb)