James Tenney
Beredte Stimme der Natur
Über Alvin Lucier
Es geschieht nicht oft, daß ein Komponist in Erscheinung tritt, dessen Arbeit so überzeugend ist und sich so wesentlich von der seiner Zeitgenossen und Vorläufer unterscheidet, daß wir wohl oder übel unsere grundlegenden (und oft unbewußten) Annahmen – unsere selbstverständlichen Axiome – über Musik revidieren müssen. Alvin Lucier ist so ein Komponist. 1965 erstaunte er ein Publikum, das Überraschungen eigentlich gewohnt war, indem er Elektroden an seiner Kopfhaut befestigte, seine Augen schloß, sein Denken auf meditative Weise zur Ruhe brachte, und dann Alphawellen hervorbrachte, die enorm verstärkt waren (wie er in der Verbalnotation des Stücks schreibt), so daß sie das Mitschwingen einer Vielfalt von Schlaginstrumenten, die ihn umgaben, hervorriefen. Das war die erste Aufführung der Music for Solo Performer, die zu einem Klassiker auf dem Gebiet der elektronischen Musik geworden ist. Vor dieser Aufführung würde niemand es für notwendig gehalten haben, das Wort Musik in einer Weise zu definieren, die solch eine Kundgebung zugelassen hätte; danach war eine Neudefinition unumgänglich. Dennoch ist seine Musik – trotz der radikalen Natur von Luciers Arbeit (oder vielleicht gerade wegen ihr) – nicht so weit verbreitet, wie sie es verdient.
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