Daniel Ender
Alexander Stankovski – «Räume I–IV»
Erste Bank Kompositionsauftrag 2000
Die Rufe der Zikaden am Beginn von Räume I-IV für raumverteiltes Ensemble und Elektronik (2000), bald gefolgt von Meeresrauschen, Grillen, Bienen und anderem Getier, können im Werk von Alexander Stankovski für eine ästhetische Grundhaltung einstehen. Denn die im Zusammenhang mit solchen akustischen Fundstücken etablierte Klangwelt – oft artifiziell und immer äußerst differenziert – macht erst den Abstand zwischen zwei getrennten Sphären deutlich, wenn hier Laute aus der Natur in das Kunstwerk hereingeholt werden. In die Kunst-Welt transferiert, bringt das konkrete Material aus der so genannten Realität seine Aura mit, streift etwas davon ab und wird anders beleuchtet; umgekehrt wird die Sphäre der Kunst durch die von ihr unterschiedenen Naturklänge, deren Eigenwert unverbrüchlich bleibt, relativiert.
Verhält sich der ins Musikalische transferierte Naturklang für den Komponisten «wie das Verhältnis einer Zeichnung zur Realität», stellt er also die Differenz zwischen Abbildung und Abgebildetem dar, so ist das Resultat eines solcherart erreichten Nebeneinanders ein beständiger Perspektivenwechsel, eine Verschiebung der Wahrnehmung, die Alexander Stankovski durch eine gleichberechtige Nachbarschaft von Materialschichten, aber auch ein ebenso gleichrangiges Nacheinander von mehreren musiksprachlichen Möglichkeiten erreicht. Auch jenseits der Dichotomie Natur – Kunst untersucht er die Eigengesetzlichkeiten musikalischer «Räume», wenn er ganz bewusst jeweils nur Ausschnitte aus den schier unbegrenzten klanglichen Möglichkeiten wählt, denen er eine Zeit lang nachspürt, um sie dann wieder jäh zu verlassen. Denn für diesen Komponisten gibt es so etwas wie eine verbindliche Musiksprache nicht, sondern vielmehr eine Pluralität von Sprachen, die er für einen bestimmten Zeitraum setzt, bevor sie anderen weichen.
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