WIEN MODERN Das Festival
für Musik
der Gegenwart

24. Okt - 15. Nov

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Viribus unitis

Notizen zu WIEN MODERN anlässlich des Ablebens von Claudio Abbado (26.6.1933 – 19.1.2014)

Ihm schien, als stünde auf dem Wiener Karlsplatz ein imaginäres, kommunikatives Hindernis zwischen Musikverein und Konzerthaus. Als Claudio Abbado dies aus seiner Perspektive im Gespräch ernstlich bemängelte, war dieser Sachverhalt jedoch schon cum grano salis ausgeräumt. Um im Bild zu bleiben: vielleicht noch Hindernisreste, aber selbst diese störten ihn offensichtlich. Denn sein dringender Wunsch, hier ein Festival mit Gegenwartsmusik zu etablieren, setzte die Bereitschaft voraus, vorhandene kulturelle Kräfte ungebremst zu bündeln. Also initiierte er Wien modern. – Abbado: generell Anreger und Gründer, speziell Förderer junger Ensembles und Orchester, deren Spielqualität er in die erste Liga führte. Da war er ganz in seinem Element. Danach sollten die «Kinder» nicht weiter an ihm hängen.

WIEN MODERN: Auslöser für ein veranstalterisches Denken, das sich nicht separiert, sondern Sparten überschreitend manifestiert, um ein thematisch weit ausholendes Festival zu realisieren. Man darf es so sehen. Abbados Idee fußt im Zusammenführen, im gemeinsamen Agieren, um die Gefahr einer Quantité négligeable erst gar nicht aufkommen zu lassen: Mit vereinten Kräften. Womit hier ausdrücklich nicht Franz Josephs kaiserlicher Wahlspruch zitiert sei, denn dieser bezieht sich, im Gegensatz zu Abbados Intentionen, in keiner Weise auf Vorausblickendes. Unmissverständlich stellte er die Musik aus dem 20. Jahrhundert in die erste Position, komprimiert aufbereitet von Konzerthaus, Musikverein und anderen Veranstaltern, international ausgerichtet, österreichische Komponisten integriert. Flankierend die anderen Künste, wie Literatur, bildende Kunst und Film, nicht isoliert von einander wahrzunehmen. «Modern» bedeutete ihm nicht allein das bloß Heutige, sondern mehr noch das Bewahren des evolutionär Impulsgebenden.

Abbado warb, bohrte und überzeugte kraft seiner einnehmenden Hartnäckigkeit. Bereits 1984, bei Vertragsabschluss als Musikdirektor der Wiener Staatsoper, hatte er ein Wiener Festival für Gegenwartsmusik im Sinn. Drei Jahre später, 1987, war es so weit. Helmut Zilk, damals Bürgermeister, sagte nachdrücklich Ja zu WIEN MODERN und band zur finanziellen Absicherung Kulturstadträtin Ursula Pasterk in den Entstehungsprozess ein. Der unerlässliche Verein wird gegründet, als Non-Profit-Organisation, sein Ziel die «Pflege zeitgenössischer Musik».

Die Durchführung des Festivals oblag der Wiener Konzerthausgesellschaft und der Gesellschaft der Musikfreunde respektive deren Intendanten. Das ist so geblieben. Beizeiten wurde ein für die Programmierung verantwortlicher künstlerischer Leiter engagiert, unerlässlich ab Abbados Rückzug. Dazu gesellten sich sporadisch Mithelfer, Kontaktpersonen, vertraut mit neuer Musik und mit Claudios Konzepten. Er wollte und konnte nicht allgegenwärtig erscheinen, kein Typ der Omnipräsenz, blieb lieber Primus inter Pares, das Festival, der Zeit entsprechend Wandlungen unterworfen, aus dem Hintergrund profilierend.

WIEN MODERN startete im Herbst 1988. Ein überwältigender Erfolg. Hierorts denn doch ziemlich überraschend, obwohl mit den Schwerpunktkomponisten Boulez, Nono, Ligeti, Kurtág und Rihm, historisch abgestützt durch Alban Berg, das musikalische Hochniveau garantiert war. Kurtág, damals in Wien völlig unbekannt, avancierte spontan zum Publikumsliebling. Und die Eröffnung, Abbado dirigierte die Wiener Philharmoniker, hievte das Festival auch gesellschaftlich in die Aura des Außergewöhnlichen. Ein Paukenschlag, gewichtige Basis für den Weiterbestand von WIEN MODERN und dessen umgehend sich einstellende internationale Reputation. Als einer der von Claudio quasi verpflichteten Mithelfer, und als sporadischer Begleiter seiner Wiener Zeit, darf ich daran erinnern, dass ein so fulminanter Beginn samt anhaltend positivem Folge-Effekt wohl nur glücken kann, wenn eine charismatische Persönlichkeit, wie er sie war, dahinter und davor steht. Eine gegenüber Neuerungen aufgeschlossene Kulturpolitik mag mitgeholfen haben.

Auf politisches Taktieren ließ sich Abbado freilich erst gar nicht ein. Sehr wohl aber auf weitere Anregungen. Etwa die Gründung des Gustav-Mahler-Jugendorchesters, parallel zu WIEN MODERN, das Hans Landesmann in seine Obhut nahm. Oder 1991 das großartige Tarkowskij-Festival innerhalb von WIEN MODERN, für das er die gesamte kulturelle Kapazität Wiens zu mobilisieren verstand. Oder die Einrichtung des heute florierenden Erste Bank Kompositionspreises. – 1995/96 haben sich Abbados Spuren aus Wien entfernt. Das Festival WIEN MODERN dokumentiert jedoch die von ihm beschworene Eigendynamik. Das «Kind» ist aus sich selbst heraus stark genug. Die Initialzündung wirkt gemäß seinem Leitspruch «Col nulla si fa tutto», eines der Antidetti (Gegensprüche) von Giuseppe Pontiggia, die Claudio ins Deutsche übertrug: Aus Nichts mach alles – das war immer und überall sein Ziel.

Postscriptum: Claudio Abbado war ab seinem Wirken an der Staatsoper Generalmusikdirektor von Wien. Als solcher wurde er nie abberufen. Aus dieser Funktion löste ihn erst sein Tod.

LOTHAR KNESSL

 

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